Am 28. Januar widmete sich die Politik-AG in der Reihe „Politikstunde“ dem Aufstieg und Zerfall Jugoslawiens – und der Frage, warum das sozialistische Vielvölkerprojekt scheiterte.
Nach einem Vortrag von Leopold Kraus aus der K2 folgte ein Gespräch mit seinem Großvater Mustafa Korjenić, der als Zeitzeuge einiges zu erzählen wusste.
Vom Vielvölkerreich zur sozialistischen Föderation
Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns und dem Ende osmanischer Herrschaftsstrukturen auf dem Balkan entstand am 1. Dezember 1918 das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS). 1929 löste König Aleksandar I. das Parlament auf, errichtete eine königliche Diktatur und benannte den Staat in „Königreich Jugoslawien“ um – mit dem Ziel, eine gesamtjugoslawische Identität zu fördern. Der Zweite Weltkrieg, die Besetzung durch die Achsenmächte 1941 und der erfolgreiche Partisanenwiderstand unter Josip Broz Tito führten schrittweise zur Machtkonsolidierung der Kommunisten und Ende 1945 zur formalen Abschaffung der Monarchie. Es entstand ein sozialistischer Vielvölkerstaat unter Einparteienherrschaft des Bundes der Kommunisten. Nach dem Bruch mit Stalin 1948 schlug Jugoslawien einen eigenständigen Kurs ein: blockfrei zwischen Ost und West und mit weitreichenden Ausreise- und Arbeitsmöglichkeiten, insbesondere für Gastarbeit in Westeuropa. Der Alltag unter Tito war von umfassenden Sozialleistungen und einem im Ostblockvergleich höheren Lebensstandard geprägt; zugleich blieben Meinungsfreiheit und Medien pluralistisch eingeschränkt, und ethnische Konfliktlinien wurden teils repressiv unterdrückt.
Der Zerfall: Verfassungsrahmen, Machtvakuum und eskalierender Nationalismus
Mit der Verfassung von 1974 erhielten die Republiken und autonomen Provinzen weitreichende Kompetenzen – ein Föderalismus, der Stabilität versprach, aber die zentrale Steuerungsfähigkeit schwächte. Nach Titos Tod 1980 verlor Jugoslawien seine zentrale Integrationsfigur; die kollektive Führung konnte die fragile Balance nicht halten. Föderale Institutionen blieben zwar formal bestehen, es wurden aber zunehmend nationalistische Interessen verfolgt. Gleichzeitig trieb eine Wirtschaftskrise mit hoher Auslandsverschuldung, Inflation und steigender Arbeitslosigkeit soziale Ungleichheiten und Verteilungskämpfe voran; die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats erodierte und untergrub die Legitimität der föderalen Ordnung. In dieser Gemengelage kehrten die unter Tito unterdrückten ethnische Spannungen in den öffentlichen Raum zurück. Der Sozialismus jugoslawischer Prägung verlor an Bindekraft und die Gegensätze zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen traten immer mehr zu Tage. 1991 erklärten Slowenien, Kroatien und Mazedonien ihre Unabhängigkeit; 1992 folgte Bosnien und Herzegowina nach einem Referendum. Während Mazedonien der Austritt friedlich gelang, kam es im Rest des Landes zu Auseinandersetzungen zwischen der serbisch dominierten jugoslawischen Armee (JNA), republikanischen Kräften und lokalen Milizen. Der Staat Jugoslawien zerfiel.
Der Bosnienkrieg
Bosnien und Herzegowina, historisch ein dicht verflochtener multiethnischer Raum, erklärte am 3. März 1992 nach einem Referendum die Unabhängigkeit. Kurz darauf proklamierten bosnische Serben die Republika Srpska und betrieben Vertreibungen anderer Bevölkerungsgruppen, woraufhin ein komplexer Krieg mit wechselnden Fronten zwischen bosnisch-serbischen Kräften (unterstützt durch Teile der jugoslawischen Armee) sowie bosniakischen und kroatischen Formationen entbrannte. Es kam zu schwersten Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung, darunter ethnische Säuberungen; der Völkermord von Srebrenica im Juli 1995 wurde international gerichtlich festgestellt. Im Sommer 1995 griff die NATO serbische Stellungen an und erzwang Verhandlungen. Das Dayton-Abkommen beendete die Kampfhandlungen.
Warum Jugoslawien scheiterte
Das Projekt Jugoslawien beruhte in hohem Maß auf der personifizierten Autorität Titos; mit seinem Tod zerbrach die Balance zwischen Föderation und Republiken in einem Rahmen schwacher zentraler Institutionen. Anstatt Spannungen dauerhaft politisch zu integrieren, wurden ethnische Gegensätze über Jahre überdeckt oder repressiv niedergehalten. Als die ökonomische Basis mit Verschuldung, Inflation und Arbeitslosigkeit bröckelte, verloren die sozialstaatlichen Versprechen an Glaubwürdigkeit. In der Folge setzte sich Nationalismus gegen den jugoslawischen Sozialismus durch.
80 Jahre Geschichte aus erster Hand
Im Anschluss an den Vortrag stand Leopolds Großvater Mustafa Korjenić für Fragen zur Verfügung. Herr Korjnic, Jahrgang 1944, wurde mit 18 Jahren Soldat in der Jugoslawischen Armee und übernahm die Schreinerwerkstatt seines Vaters bevor er Ende der sechziger Jahre Jugoslawien verließ, um als Gastarbeiter in Deutschland als Zimmermann zu arbeiten. Anschaulich berichtete er über seine Erfahrungen als Gastarbeiter: Ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen kam er an einem Freitag an und hatte bereits am darauffolgenden Montag seinen ersten Arbeitstag.
Für Herrn Korjenic stand immer fest, dass er mit seiner Frau, die ihn begleitete, in seine Heimat zurückkehren wird und er lebt heute wieder in Bosnien.